Gestern hat wirklich eine Frau geschafft, mich zutiefst zu enttäuschen.
Jeder erinnert sich hier sicherlich an die "Wut"-Ärztin, die in einer Talk-Show mit Merz aneinander geraten ist - und bei der man das Gefühl hatte, dass da eine Frau versteht, wovon sie spricht.
Nun habe ich jedoch folgendes erfahren:
"Dr. Bea Kinderarzt" ist eine Marke, unter der diese seit 2023 versucht, als Medfluencerin und Coach Fuß zu fassen. Zumindest nach ihrer LinkedIn-Biografie war sie in Deutschland zuvor maximal (!) ein Jahr in verschiedenen Praxen als angestellte Kinderärztin tätig. Die Inhalte Ihrer Website dienten immer nur der allgemeinen Information und Gesundheitsbildung für Eltern. Sie ersetzten keine kinderärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.
Damit entsprachen ihre Aussagen bei Merz auch nicht der Wahrheit. Denn dort machte sie den Anschein, als Ärztin in einer realen Praxis zu behandeln. Den Unique Selling Point als Medfluencerin hat sie durch ihren Auftritt in der Talkshow jedoch gefunden (Kritik an einem System, das sie angesichts ihrer Biografie von innen garnicht wirklich kennen kann).
Seitdem sammelte sie nicht weniger als 186.000 Euro an "Spenden" für ihre Demo ein, um direkt danach ein Geschäftsmodell zu starten mit Meilensteinsystem, das ihr einen Bruttoumsatz von 2,3 Mio. Euro im Jahr verspricht: https://mut-aerztin.de/mitglied-werden
Sie hat für ihr Engagement als logischen Schluss jedoch keinen Verein gegründet, dessen Gemeinnützigkeit regelmäßig vom Finanzamt geprüft werden würde.
Stattdessen bietet sie Aktivismus als Dienstleistung, für die man eine Vertragsbeziehung nach BGB eingeht, allerdings ohne hinreichend akzeptable Gegenleistung. Keine Überprüfbarkeit, keine steuerliche Absetzbarkeit. Das Geld landet bei ihr als Unternehmensumsatz, nicht als Spende.
Ich gebe zu, dass ich persönlich ziemlich fassungslos bin. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Gesellschaftliches Engagement auf Bezahlung und mit Gewinn ist für mich keine Option.
Trotzdem habe ich das alles nun so neutral formuliert wie möglich - ohne eine Wertung abzugeben. Jeder darf sich selbst ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung über ein solches Vorgehen bilden.
Stattdessen lasse ich Thomas Dudzak reden, die bessere Worte für das aktuelle Geschehen fand:
"Die Mechanik funktioniert über künstliche Verknappung und die Verwertung von Betroffenheit.
Statt organisierte, kollektive und demokratisch legitimierte Strukturen aufzubauen, werden selbstverständlichste Kommunikationsformate als Belohnung hinter riesige Bezahlschranken gelegt.
Das ist ein bisschen wie OnlyFans für Aktivismus. Zahlen für das gute Gewissen. Glauben, Teil einer Bewegung zu sein, dabei ist man nur Kunde wie beim Streamingdienstleister.
Schöne neue Aktivismuswelt. Hinter der Fassade einer "unabhängigen Plattform" steht ein einfacher Sales-Funnel aus Standard-Marketing-Bausteinen. Rechtlich gedeckt, aber ethisch hochgradig fragwürdig: Aufmerksamkeits-Ökonomie, die gesellschaftliche Krisen in dauerhafte private Einnahmen übersetzt."
Statt organisierte, kollektive und demokratisch legitimierte Strukturen aufzubauen, werden selbstverständlichste Kommunikationsformate als Belohnung hinter riesige Bezahlschranken gelegt.
Das ist ein bisschen wie OnlyFans für Aktivismus. Zahlen für das gute Gewissen. Glauben, Teil einer Bewegung zu sein, dabei ist man nur Kunde wie beim Streamingdienstleister.
Schöne neue Aktivismuswelt. Hinter der Fassade einer "unabhängigen Plattform" steht ein einfacher Sales-Funnel aus Standard-Marketing-Bausteinen. Rechtlich gedeckt, aber ethisch hochgradig fragwürdig: Aufmerksamkeits-Ökonomie, die gesellschaftliche Krisen in dauerhafte private Einnahmen übersetzt."