Donnerstag, 17. September 2026

Bezisterim


Die Ankündigungen des Pharmaunternehmens BioVie hinsichtlich des Ergebnisses der Phase-2-Studie zu seinem Medikament Bezisterim gegen Long Covid schlagen gerade Wellen - wobei die Hoffnung in der ME/CFS-Community nicht der Reaktion an der Börse entspricht. Aber dazu unten mehr.

Eine kurze Zusammenfassung:

a)
Die Pressemitteilung des Unternehmens besagt folgendes:
Obwohl die Primäranalyse keine signifikante Wirkung zeigte, deutete eine Analyse in Untergruppen mit starker Symptombelastung auf eine Verbesserung hin.

b)
Bezisterim ist ein synthetisches Derivat von Androstenetriol, einer Steroidvorstufe. Es kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und soll die Insulinresistenz senken sowie Entzündungsprozesse dämpfen.
c) Es handelte sich um eine Phase-2-Studie, also eine vorläufige und kleinere Untersuchung mit 203 Post-Covid-Patienten. Sie dient dazu, die Wirkungen des Medikaments zu untersuchen, nicht aber zu bestätigen, ob es wirkt oder nicht.

d) Bisher ist nur die Pressemitteilung des Unternehmens in den sozialen Medien auffindbar. Eine vollständige, von Wissenschaftlern begutachtete Veröffentlichung, in der die endgültigen Studienergebnisse veröffentlich wurden, liegt noch nicht vor.

e) Die wichtigsten Ergebnisse sind in einer Tabelle aufgeführt:
Laut ME/CFS science zeigt die Tabelle standardisierte Effekte für 22 Endpunkte, ausgedrückt in Standardabweichungen (eine gängige Faustregel lautet: 0,8 ist groß, 0,5 mittel und 0,2 klein). Bei keinem Endpunkt zeigte sich ein statistisch signifikanter Effekt des Medikaments im Vergleich zu Placebo. Die Schlussfolgerung, dass für Bezisterim bereits eine Wirksamkeit bei der gesamten Long-COVID-Population nachgewiesen wurde, wäre daher falsch.

f) Man sieht laut ME/CFS science, dass dies in den breiten Konfidenzintervallen liegt: Die Linien reichen von klein bis groß und kreuzen alle die 0. Während also die meisten Endpunkte für die Behandlung sprechen, besteht große Unsicherheit hinsichtlich des Effekts, und keiner liefert eindeutige Belege.

g) BioVie verweist jedoch auf Ergebnisse von Subgruppenanalysen. Wenn man den Vergleich auf Teilnehmer beschränkt, die zu Studienbeginn einen hohen Symptom-Score aufwiesen, fanden sie tatsächlich Effekte zugunsten von Bezisterim (allerdings immer noch mit großen Konfidenzintervallen). 

Nach Angaben des Unternehmens waren diese Untergruppen bereits vor der Aufhebung der Verblindung der Studie im statistischen Analyseplan definiert worden, und etwa 78 % der Teilnehmer gehörten mindestens einer dieser Untergruppen an.

h) ME/CFS Science bleibt jedoch kritisch:
- War diese Analyse im Voraus geplant, oder hat man in den Daten nach einem positiven Ergebnis gesucht?
- Denn diese ist weder im Protokoll noch in der Studienregistrierung ersichtlich. BioVie wiederum gibt an, dass die Analyse in den bei der FDA eingereichten Unterlagen vorab festgelegt war.

i) ME/CFS research zeigt zudem auf, dass die meisten Endpunkte zugunsten der Bezisterim-Gruppe ausfallen. Obwohl Berichten zufolge nur wenige Nebenwirkungen auftraten, fragen sich außenstehende Wissenschafter, ob bei einigen Fällen die Verblindung durchbrochen wurde, sodass die Patienten wussten, dass sie das Medikament erhielten. Das ist eine potenzielle Einschränkung.

j) Das Unternehmen selbst weist darauf hin, dass diese Ergebnisse in einer zukünftigen Studie mit ausreichender statistischer Aussagekraft bestätigt werden müssen. Ein positives Signal in einer vorab festgelegten Untergruppe ist nicht gleichbedeutend mit einer erfolgreichen bestätigenden Phase-3-Studie.

h) Nun kommen wir zur Reaktion des Marktes und der Glaubwürdigkeit des Unternehmens:
Der Aktienkurs des Unternehmens fiel nach der Bekanntgabe um ca. 20 %, was darauf hindeutet, dass die Anleger von der Subgruppenanalyse nicht überzeugt waren. Dies ähnelt dem, was im August bei der Phase-2-Studie mit Bezisterim zur Parkinson-Krankheit geschah. Hinzu kommt, dass das Unternehmen eine problematische Vergangenheit mit einer gescheiterten Phase-3-Studie zur Alzheimer-Krankheit, Rechtsstreitigkeiten und einem umstrittenen (ehemaligen) CEO hat.

Quelle: ME/CFS research, Manuel Ruiz-Pablos, diverse Börsennachrichten, übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Fazit:
Für Euphorie und Jubelrufe ist es deutlich zu früh. Zumindest sollten zuerst einmal die vollständigen Studienergebnisse in wissenschaftlicher Form vorliegen, um sich ein genaueres Bild machen zu können. 


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